Horse Links Topliste
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Foto: Dr. Peter Allhoff
Foto: Dr. Peter Allhoff

Deutschland

sehr gute Eignung als Wagen- und Reitpferd

158-165cm

Rappen, Braune, Füchse, Schimme

Ursprung

Zuchtgebiet(e)

Allgemeines zur Pferderasse

Das Zuchtziel wird innerhalb der Rasse mit der Zuchtmethode der Reinzucht angestrebt. Dies bedeutet, daß in erster Linie Hengste und Stuten originaler Blutführung eingetragen werden. Dies schließt die Hereinnahme von Erbgut aus anderen Populationen nicht aus, sofern diese Rassen zur Erreichung des Zuchtziels dienlich sind. Pferde der Rasse "Schweres Warmblut", die auf ostfriesisch/alt-oldenburgischer Grundlage basieren, gibt es in folgenden Zuchten: Ostfriesen und Alt-Oldenburger in Pferdezuchtverbänden Niedersachsens; Groninger; Schweres Warmblut in Sachsen und Thüringen; Slaski (Schlesier) in Polen. Pferde aus diesen Populationen erfüllen die Anforderungen der Zuchtmethode "Reinzucht".

Es werden vielseitig einsetzbare Pferde der Rasse "Schweres Warmblut" mit guten, räumenden Gängen und ausgewogenem, ruhigen Temperament auf der Grundlage der ehemaligen ostfriesischen und alt-oldenburgischen Pferdezucht gezüchtet.

Exterieur

- taktmäßige, raumgreifende Bewegung im Schritt und Trab, 
letzteres mit "Aktion"
- mittelschweres, genügend elegantes Pferd mit großer Breite und Tiefe, 
guter Rippenwölbung, sowie gutem Schluß
- ausdrucksvoller Kopf, der Masse angepaßt, großes Auge
- mittellanger, muskulöser Hals, hoch aufgesetzt und gut geformt
- lange, schräge, stark bemuskelte Schulter, erkennbarer Widerrist
- elastischer, fester Rücken, mittellang, mit breiter Nierenpartie
- leicht geneigt Kruppe, breit, stark bemuskelt
- korrekte, trockene Gliedmaßen von großer Knochenstärke
- ausgeprägte, kräftige Gelenke; der Masse angepaßt,
regelmäßig geformte Hufe

Interieur

Ruhiges, durch Umgänglichkeit geprägtes Temperamen, taktmäßig, raumgreifende Bewgung in Schritt und Trab.

Sehr gute Eignung als Reit und Wagenpferd.

Konstitutionshart mit besonderer Belastbarkeit des Fundaments. Sehr fruchtbar.

Zuchtgeschichte

 

Durch die Jahrhunderte bis in die jüngste Neuzeit war die Pferdezucht in Ostfriesland ein bedeutender Produktionszweig in der Landwirtschaft. Die Boden- und Witterungsverhältnisse an der Nordseeküste begünstigten zu allen Zeiten eine umfangreiche Pferdezucht. Es gab in Mitteleuropa nur noch die Regionen Oldenburg, Nord- und Westfriesland, die ein ähnliche Pferdedichte aufwiesen. Der wirtschaftliche Wert der Erzeugung von landwirtschaftlichen und gewerblichen Arbeitspferden war enorm und begünstigte die Tatsache, daß in Ostfriesland die ersten Stut- und Hengstbücher Deutschlands eröffnet wurden und schon früh gezielte Selektionsmaßnahmen die bäuerliche Pferdezucht - neben der Nachfrage des Marktes als Regulativ - beeinflußten.

Die Pferdezucht war ausschließlich privat organisiert. Gestüte und staatliche Hengsthaltung gab es in Ostfriesland nicht. Bereits 1715 wurde in den nördlichen Ämtern Ostfrieslands von den Landesherren, deren Marstallhengste den Bauern schon immer zur Verfügung standen, eine Körordnung für private (bäuerliche) Hengste erlassen, die 1755 auf ganz Ostfriesland ausgedehnt wurde. Trotz dieser Anordnungen, nur ausgewählte Hengste zur Zucht zu benutzen, konnte nicht lange von einer ausgeglichenen Pferdezucht gesprochen werden. Hengste der verschiedensten Herkünfte mit viel spanischem und orientalischem Blut trafen im 18. Jahrhundert auf das derbe gedrungene Wirtschaftspferd der Bauern, die für ihren eigenen Gebrauch eben diesen Typ bevorzugten, während für den Export und für Kutsch- und Reitzwecke die veredelten Nachzuchten gesucht wurden. Erst im 19. Jahrhundert, als Ostfriesland hannoversche Provinz geworden war, wurde die Pferdezucht, auch durch die Landbeschäler aus Celle, einheitlicher. Regierungsabsichten, auch ein Militärpferd mit Hilfe der Landbeschäler zu züchten, wurden nicht umgesetzt. Statt dessen wurde die Leistungsbereitschaft der Arbeitspferde durch privat eingeführte, aus England stammende Wagenpferdschläge (Cleveland-Bay und Yorkshire), erhöht. Auch Hengste aus der Normandie erhielten einen durchschlagenden Einfluß. Die ostfriesischen Bauern erzeugten damit solide und gutmütige schwere Pferde ausschließlich für den Zugdienst.

Durch Aufstellung von Hengsten der genannten, aber meist aus Oldenburg stammenden Blutlinien, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gefestigte, einheitlichere Stutenbasis. Um 1880 wurden alle Einfuhren fremden Zuchtmaterials eingestellt. Im Typ traten zu jener Zeit zwei deutlich verschiedene Typen auf. das knappe, kurzbeinige Arbeitspferd und das leichtere, elegantere Kutschpferd. In diese Zeit fällt der Ursprung der modernen Pferdezucht. Die Spur reicht zurück nach England in das Land der Blutpferde. Alle heutigen mitteleuropäischen Kernzuchtgebiete begannen im vorigen Jahrhundert ihre inländischen Pferde mit ihrem spanischen Einschlag (den heute als barock angesehen Typ) umzuformen. Die verschiedenen lokalen Variationen mußten Karossiers werden. Das gedrungene, kurzbeinige Pferd, seit dem Mittelalter dazu bestimmt, eine Person über wenig oder gar nicht ausgebaute Wege zu transportieren und Feldarbeiten zu erledigen, mußte aus ökonomischen Gründen einem größeren, schnelleren Pferd mit "Blut" platzmachen. Es mußte in der Lage sein, Kutschen mit mehreren Personen und Wagen mit industriellen und landwirtschaftlichen Produkten über die "Chausseen" des 19. Jahrhunderts zu ziehen. Pferde, die diese Eigenschaften besaßen, gab es damals in England, das in seiner ökonomischen Entwicklung dem übrigen Europa voraus war. England verfügte aus der Kreuzung von Cleveland-Bay und Vollblut über ein hoch im Blut stehendes schnelles und ausdauerndes Kutschpferd, dem Yorkshire-Coachhorse. Diese Pferde hatten sich schon auf den englischen Postwegen bewährt und die aufkommende Industrialisierung konnte das Transportproblem mit Hilfe dieser Pferde bewältigen. Auch auf dem Kontinent führte der Ausbau von Industrie und Handel zur Nachfrage nach geeigneten Transportpferden. Aber die einheimischen Zuchten konnten allesamt nicht aus eigener Kraft den Bedarf an ausdauernden Kutsch- und Wagenpferden decken. Frankreich, Niederlande und die norddeutschen Zuchtgebiete Ostfriesland, Oldenburg, Hannover und Holstein importierten deshalb englische Hengste, um ihre inländischen Bauernpferde umzuformen. Vor allem die Kreuzung von oldenburgischen und hannoverschen Stuten mit englischen Hengsten hatten den durchschlagenden Erfolg und legten zusammen mit importierten Anglo-Normannen am Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für die Konsolidierung der Zucht in Ostfriesland und Oldenburg.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert veränderten die technischen und damit die ökonomischen Entwicklungen die einheimischen Pferde unwiderruflich. Der alte Pferdeschlag, angepaßt lediglich an die einfache, wenig mechanisierte Landwirtschaft, wurde zurückgedrängt durch die vielseitig einsetzbaren und leistungsstarken Pferde aus der erwähnten Einkreuzung von Pferden aus der Provinz Hannover, England und der Normandie. Die Umzüchtung mußte in Anpassung an die schnelle wirtschaftliche Entwicklung rasch erfolgen, so daß die ostfriesischen Züchter mit Gründung des Ostfriesischen Stutuchs im Jahr 1869 eine Organisation erhielten, die durch konsequente Selektionsmaßnahmen besonders effektiv auf die Erfordernisse des Marktes reagieren konnte. Erst mit Gründung des Stutbuchs kann von einer organisierten Zucht gesprochen werden. Vorher wurden die Stuten und ein Teil der Hengste (sog. "schwarze Hengste") überhaupt nicht registriert. Noch bis in das 20.Jahrhundert gab es verhältnismäßig viele "wilde" Bedeckungen, weil für die Erzeugung von einfachen Wirtschafts- und Handelspferden auf eine stutbuchmäßige Erfassung bewußt verzichtet wurde. Erst in der Neuzeit wird für fast alle Pferde die Abstammung dokumentiert. Ostfrieslands Pferdezüchter schlossen sich seinerzeit aber zum größten Teil in kurzer Zeit ihrer Zuchtorganisation an , da sie die offensichtlichen Vorteile einer planmäßigen Zucht erkannt hatten.

Die Zeit des Karossiers zwischen 1880 und 1920

 

Die Änderung der Zuchtrichtung ist ein prägnantes Beispiel für die Anpassung der Zucht an Marktbedürfnisse. Über den Verlauf eines Pferdemarktes im Jahr 1864 ist z.B. folgender Bericht überliefert: "Die Frequenz der hiesigen Pferdemärkte nimmt mit jedem Jahr zu. Es sind heute 515, meist herrliche Tiere aufgetrieben. Unter den vielen ausländischen Pferdehändlern sind diesmal auch einige Engländer. Der Handel geht lebhaft, namentlich in Luxuspferden, wofür auch hohe Preise gezahlt werden." Daraus ist zu schließen, daß die Pferdezucht bei Bereitstellung der gewünschten Gebrauchspferde ein sehr einträgliches Geschäft war. Der Anteil der für den Verkauf aufgezogenen Pferde wird auf etwa 50% geschätzt. Dem entspricht auch der sehr hohe Anteil von Jungpferden (bis 3-jährig) am damaligen Pferdebestand: Von ca. 30.000 Pferden in Ostfriesland waren zwischen 40 und 50% Jungpferde. Das neue Zuchtziel lautete damals:"Ein kräftig gebautes, edles und schweres ostfriesisches Pferd, das sowohl zur Verwendung als elegantes und gängiges Kutschpferd als auch als zugfestes Arbeitspferd sich eignet." Speziell wurde die Körkommission angewiesen "auf ein sogenanntes gutes Trittwerk, namentlich auf ein weites und kraftvolles Ausschreiten und freies Aufsetzen des Hufes auf das sorgfältigste zu sehen". Hinsichtlich der Konsolidierung auf den Karossiertyp war die Zucht in Oldenburg durch den konsequenten Einsatz von Anglo-Normannen, schwerem englischen Warmblut und hannoverschen Halbbluthengsten schon weiter fortgeschritten, so daß eine beträchtliche Anzahl von Zucht- und Gebrauchspferden in Oldenburg für die ostfriesische Zucht angekauft werden mußten. Alle ostfriesischen Hengstlinien gingen jetzt auf in Oldenburg gezogenen Vertreter der neuen Richtung zurück. Um 1910 war das Ostfriesische Pferd auf einem züchterischen Höhepunkt angelangt, da es sowohl als Arbeits- als auch Luxuspferd einsetzbar war.

Der Typ wurde damals so beschrieben: "Eine schnittige Figur, ein kräftig tiefes Gebäude mit aufgerichteter schöner Halsung und freundlichem Kopf bei einer gewissen Eleganz in der ganzen Erscheinung und solidem Fundament neben räumenden, hohen Gängen mit stechender Vorderaktion und kraftvollem Versammeln auf der Hinterhand." Eine weitere Beschreibung stammt aus dem Jahr 1911: "Die Pferde in Ostfriesland sind nicht so ausgeglichen und auch nicht ganz so schwer wie das Material in Oldenburg, sie haben aber vor diesem gewöhnlich einen Vorzug, sie sind trockener, nicht aufgeschwemmt und machen oft einen härteren, nervigeren Eindruck. Demzufolge sieht man in Ostfriesland oft auch energischere Gänge, Gänge aus der Hinterhand...

Unter den Hengsten, die man bei der großen Körung in Aurich alljährlich vorgeführt sieht, lassen sich drei Typen unterscheiden:

A) Ein Pferd, ganz ähnlich dem Oldenburger, im Typ eines noblen, schweren Karossiers mit gutem Gange und erheblichem Nerv; etwas trockener als die Mehrzahl der Oldenburger

B) Ein Pferd mit Anlehnung an den Oldenburger Typus, diesen aber meist nicht immer ausgesprochen zeigend, nicht edel, ohne viel Adel, meistens etwas gewöhnlich; aber derb, robust, gedrungen und stark. Die Hengste dieser Sorte sind vorzügliche Reproduktoren für landwirtschaftliche Gebrauchspferde.

C) Ein edles, leichteres Pferd mit vornehmen Manieren, das unter hannoverschem Einfluß steht und sich dem Hannoveraner bald mehr, bald weniger nähert. Sein Typ findet sich am ausgeprägtesten in einer Sorte eleganter Füchse. Sie sind den beiden anderen Typen gegenüber in der Minderzahl und verhältnismäßig selten."

Pferde, wie die beschriebenen, hatten einen guten Absatz innerhalb Deutschlands und wurden in fast alle Länder Europas und nach Nord- und Südamerika exportiert. Ostfriesische Hengste verstärkten die süd-, mittel und ostdeutschen Landespferdezuchten und ostfriesische Kutschpferde fanden sich in allen Metropolen.

Das schwere Wirtschaftswarmblut zwischen 1920 und 1950

Nach dem Ersten Weltkrieg brach der Markt für Luxuspferde und Militärremonten vollständig zusammen. Die politischen und sozialen Umwälzungen, die rasante technische Weiterentwicklung der Verkehrssysteme wiesen dem Pferd nun sehr schnell und nachhaltig nur noch begrenzte Aufgabengebiete in Landwirtschaft und Transportwesen zu. Vor allem entzogen LKW und PKW dem Wagenpferd von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunehmend die Transportaufgabe. Aber auch die technische Weiterentwicklung der Landmaschinen erforderte ein neues Pferd und machte es zudem, beginnend mit den Vierzigerjahren, mehr und mehr überflüssig. In Anpassung an die veränderten Aufgabengebiete wurde ab 1920 die Zuchtrichtung radikal verändert: Ein schweres Wirtschaftspferd mit gutem Schrittvermögen, ruhigem Temperament, frühreif, billig in Fütterung und Haltung war die Forderung der Zeit. Es entstand ein Schwerer Warmblüter, der auf der Grenze zum leichten Kaltblut stand.

Die Kaltblüter in Deutschland waren ihrerseits den gestiegenen Ansprüchen der neuen Landbautechniken durch ihre Zugstärke bereits bestens angepaßt, so daß auch die Ostfriesen, wollten sie ihren hauptsächlichen Arbeitsgebieten in der Landwirtschaft gerecht werden, ähnliche Leistungen wie die Kaltblüter erbringen mussten. Die starke Zunahme des Kaltbluts als Arbeitspferd in der Landwirtschaft zwang zur Sicherung der Zucht und des Absatzes zu der Erzeugung gleichwertig leistungsbereiter Warmblüter, die noch über den Vorteil verfügen mußten, vielseitig einsetzbar zu sein. Die Ostfriesen wurden jetzt nach mehr Rumpftiefe, Breite und Kurzbeinigkeit auf Kosten von Trockenheit, Nerv, Ausdruck und Gangvermögen selektiert. Um 1940 war die durchschnittliche Widerristhöhe von 164cm (1908) auf 160cm reduziert und das durchschnittliche Körpergewicht von 630kg auf 760kg angestiegen. Es war ein Wirtschaftspferd von hoher Qualität und einer unerreichten Einheitlichkeit entstanden. In Deutschland entstanden Nachzuchtgebiete für Ostfriesen und Oldenburger in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schlesien. Die dort entstandenen bodenständigen Zuchten organisierten etwa ab 1920 eigene Zuchtverbände, die aber ständig in erheblichem Umfang Zuchtmaterial Jahr für Jahr aus Ostfriesland und Oldenburg zukauften. Dem Vordringen des Kaltblüters in den deutschen Ackerbaugebieten waren die Schweren Warmblüter durch ihre Anpassung an die landwirtschaftlichen Verhältnisse wirksam begegnet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte die Zucht in Ostfriesland einen zahlenmäßigen Höchststand, da Pferde in der Landwirtschaft absolut unentbehrlich waren.

Veredlungszucht mit Arabern

 

Der politische und wirtschaftliche Umbruch nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Pferdezucht vor gänzlich neue Aufgaben. Einerseits wurde wegen der nun stürmisch einsetzenden Mechanisierung der Landwirtschaft, vor allem durch den Einsatz des Traktors, von Jahr zu Jahr weniger Arbeitspferde gebraucht, andererseits verlangten die dem Pferd noch verbliebene Einsatzmöglichkeiten ein nur noch mittelschweres Zugpferd. Bis in die Sechzigerjahre sicherte der technische Stand der Traktoren, Mähdrescher und Feldbearbeitungsgeräte den Arbeitspferden noch Einsatzmöglichkeiten, so lange, wie sie den Landmaschinen in der Arbeitsleistung noch ebenbürtig sein konnten. Die sich dann schnell steigernde Überlegenheit der Maschinen in allen landwirtschaftlichen Bereichen ließ dann eben so schnell die Bestände des Schweren Warmbluts zusammenbrechen. Von einem Tag zum anderen wurden mit Anschaffung eines Traktors die Pferde überflüssig und der größte Teil der Betriebe verkaufte die Arbeitspferde zum Schlachter. Um 1964 brach damit auch die Zucht zusammen. Die Bedeckungsziffern erreichten nur noch 10% der Zahlen, die zwanzig Jahre zuvor erreicht wurden.

Diese Entwicklung betraf in den 50iger und 60iger Jahren alle deutschen Pferdezuchten gleichermaßen. In allen Zuchtgebieten sank die Zahl der Zucht- und Arbeitspferde unaufhaltsam auf ein nicht für möglich gehaltenes niedriges Niveau. In dieser Zeit erhielt das Pferd seine Bedeutung aus der sprunghaft zunehmenden Ausweitung des Reitsports zum Breitensport. Auch in Ostfriesland wurde diese Tendenz von der Zuchtleitung registriert und man erhielt ab 1948 ein leichteres Wirtschaftspferd mit verbesserter Reiteigenschaft durch den Einsatz von zwei Araberhengsten. Dem Vollblutaraber wurde der Vorzug vor dem Englischen Vollblüter gegeben, weil er in seinem Körperumriß dem Ostfriesen entsprach und über hervorragende charakterliche Eigenschaften verfügte. Zwar brachte das bis Ende der 60iger Jahre immer wieder zugeführte Araberblut keine großartigen Reitpferdepoints, trug aber entscheidend zu Härte, Leistungsfähigkeit und Trockenheit bei. Denn im Beginn der Einkreuzungsperiode stand das Wirtschaftspferd immer noch im Vordergrund. Erst ab 1957 erhielten die veredelten Friesen-Araber das Übergewicht, bei gleichzeitig sinkender Gesamthengstzahl.

Anfangs fanden die Züchter keinen Gefallen an den kleinen, leichten Araberhengsten. Bis 1955 wurden nur 5% aller Stuten von Arabern bzw. Friesen-Arabern gedeckt. Erst als sich die gute Reiteigenschaft, der hervorragende Charakter und die enorme Leistungsbereitschaft im Zug gezeigt hatten, stiegen die Bedeckungszahlen der veredelten Hengste. Im ländlichen Reitsport waren die Friesen-Araber ernstzunehmende Konkurrenten. Das durch die Einkreuzung Anfang der 60iger Jahre entstandene vielseitig einsetzbare Schwere Warmblut war aber schon Ende der 60iger Jahre überholt, da der Reitsport nur noch leichte, elegante und großrahmige Reitpferde nachfragte. Um auf die Leistungsanforderungen des modernen Reitsports zu reagieren, fehlte ab 1964 ein weiterführendes Zuchtprogramm und die Züchter im Ostfriesischen Stutbuch brachten auch keine Initiative zustande, um eigenständig unter den deutschen Pferdezuchtverbänden auf dem Markt für Reitpferde existieren zu können. Es fehlten Überlegungen, welche Zuchtwege bei Einkreuzung von Arabern zu beschreiten seien, um einige Mängel der Kreuzungsprodukte, die den Einsatz in Dressur- und Springsport limitierten, zu beheben. Das Fehlen eines Zuchtprogramms, das den Einsatz von Englischen Vollblütern zwingend notwendig gemacht hätte, und die rapide schrumpfende Züchter- und Pferdezahl, ließ den Anschluß der verbliebenen Züchter an einen Zuchtverband, der bereits erfolgreich Reitpferde züchtete, als unumgänglich erscheinen. Die nur noch als Schlachtpferde abzusetzenden Schweren Warmblüter und das verlorene Absatzgebiet in Ost- und Mitteldeutschland ließen die am Umsatz orientierten bäuerlichen Züchter nach jedem Stutfohlen greifen. Die mögliche Alternative lag nach dem Schrumpfungsprozeß nur bei dem Anschluß an Oldenburg oder Hannover. An einer eigenständigen Erhaltungszucht dachte seinerzeit sowieso niemand.

Verdrängungszucht mit Hannoveranern

Die traditionell bestehende Rivalität zum Oldenburger Zuchtgebiet verhinderte den Anschluß an das räumlich nahegelegene Oldenburg. Auch die Gleichartigkeit des Zuchtmaterials und die identischen Ziele waren kein Argument, das Oldenburger Sportpferd auch in Ostfriesland offiziell zu züchten und zu einem nordwestdeutschen Verband zu fusionieren.

1964 entschloß sich die Zuchtleitung, Hannoveraner aus Celle einzusetzen. Es wurde ein Arbeitsabkommen geschlossen und 1965 wurden erstmals die gepachteten Hengste eingesetzt. Dieser Entschluß ist den Züchtern und der Zuchtleitung nicht leicht gefallen, da allen Beteiligten klar war, daß mit diesem Schritt das Ostfriesische Pferd unwiderruflich aussterben würde. Die Arabereinkreuzung hatte den Boden für die Verdrängungszucht gelegt, vor allem deshalb, weil es zu viele Pferde gab, die zu klein, oft auch zu kurz und teilweise sogar pummelig waren und auf dem preisbestimmenden Reitpferdemarkt nur in Ausnahmefällen einen Käufer fanden.

Die ostfriesische Pferdezucht wurde auf das hannoversche Zuchtziel umgestellt. Die rein ostfriesisch-oldenburgisch gezogenen Hengste verließen die Deckstationen und wurden durch Hannoveraner, Trakehner, Vollblüter und Araber ersetzt. 1967 deckten 22 Hengste insgesamt 932 Stuten, 71% davon hatten einen Reitpferdehengst zum Partner. Alle ostfriesischen Stuten, die ein Fohlen von einem Hengst der edlen Rasse hatten, wurden im hannoverschen Vorbuch aufgenommen und die Nachzucht erhielt den hannoverschen Vorbuchbrand. Die Geschäftsstelle war 1967 von Norden nach Hannover verlegt worden. Die namhaften ostfriesischen Züchter schafften sich zunehmend reingezogene hannoversche Stuten an. Die letzte Hengstkörung in Aurich fand 1973 statt und 1975 löste sich das Ostfriesische Stutbuch als selbständiger Zuchtverband auf und gliederte sich als Bezirksverband Ostfriesland dem Verband hannoverscher Warmblutzüchter an.

Rückzüchtungsprogramm ab 1983

Die Zuchtpolitik des Verbandes hannoverscher Warmblutzüchter sorgte dafür, daß die ostfriesischen Genanteile sehr rasch im verbliebenen Pferdebestand reduziert wurden: Keine Hengste mehr mit Ostfriesenblut, Stuten mit ostfriesischen Genen im Vorbuch eingetragen und nicht mit der Qualifikation als Hengstmütter. Innerhalb von 20 Jahren führte die Verdrängungszucht zum fast vollständigen Verschwinden der ursprünglichen Ostfriesen. 1985 war der reinblütige Stutenbestand auf nur eine Handvoll zuchtfähiger Tiere geschrumpft und auch Stuten der F1/F2-Generation stellten nur noch eine Minderheit in der hannoverschen Stutenpopulation der ostfriesischen Züchter dar.

Der Ostfriese als Vertreter des Schweren Warmbluts war damit als eine vom Aussterben bedrohte Haustierrasse einzustufen. 1983 fanden sich einige Liebhaber dieser Pferde, zu denen auch die Oldenburger des alten Schlags gehören, zusammen, um wenigstens einen Teil des Restbestandes an Original-Stuten in ein Rückzüchtungsprogramm einzubringen. Vom Pferdestammbuch Weser-Ems wurde ein Hengst mit 50% Hannoveraner- und 50% Ostfriesenblut gekört, der von 1983 bis 1987 jährlich 20 Bedeckungen hatte. Die zur Rückzüchtung zur Verfügung stehenden Stuten hatten aber ihrerseits überwiegend nur noch 50% Genanteile des alten Ostfriesen/Alt-Oldenburgers, so daß die geborenen Fohlen nur zum Teil die rassetypischen Merkmale zeigten. Vor allem war der Bestand an Original-Stuten viel zu klein, um die gewünschten Eigenschaften sicher in der neu aufbauenden Population zu verankern.

Zwingend notwendig war deshalb der Einsatz von reinblütigen Hengsten, so wie sie in der DDR im Hengstdepot Moritzburg noch gehalten wurden. 1987 wurde der auf den Ostfriesenhengst "Lord" zurückgehende Junghengst "Lord II" in Sachsen gekauft, was für die Züchter des Ostfriesen einen entscheidenden Schritt nach vorne bedeutete. Nun erinnerte man sich der anderen noch in größerem Umfang in Mitteleuropa existierenden Schweren Warmblutzuchtgebiete: Weitere Hengste aus den funktionierenden Zuchtbeständen des Schweren Warmbluts auf ostfriesisch/oldenburgischer Grundlage wurden ab 1988 in Polen (Slaski), Dänemark (Dänischer Oldenburger) und den Niederlanden (Groninger) in das Zuchtprogramm aufgenommen. Nach der Wiedervereinigung wurde von 1991 bis 1997 jährlich ein Hengst aus dem Sächsischen Landgestüt Moritzburg für eine ostfriesische Station gepachtet. Das Schwere Warmblut aus Sachsen und Thüringen hatte von da an einen besonders starken Einfluß auf die neu entstehende Population des Schweren Warmbluts in Ostfriesland. Die Erhaltung dieser alten Kulturrasse in ihrem Ursprungsgebiet konnte so gesichert werden. In Anpaarung mit den verbliebenen Stuten, die überwiegend Fremdblutanteile aufweisen, werden heute die rassetypischen Eigenschaften wieder eingekreuzt. Daneben wird durch den Zukauf von reinblütigen Stuten aus den verschiedenen Zuchtgebieten Mitteleuropas der Stutenbestand wesentlich ergänzt und verbessert. Bei der Auswahl der zugekauften Stuten und Hengste wurde darauf geachtet, daß diese Tiere besonders der historischen Beschreibung des Ostfriesen ähneln sollten, denn nicht alle Pferde in den erwähnten Zuchtgebieten zeigten durch dort herrschende andere Selektionskriterien den gewünschten, geschichtlich verbürgten Typ.

Die Züchter gründeten 1986 den "Zuchtverband für das Ostfriesische und Alt-Oldenburger Pferd e.V.", der 1988 vom Land Niedersachsen als selbständige Zuchtorganisation anerkannt wurde. Das Zuchtziel ist auch nach fast 20 Jahren noch ein schweres, kalibriges Pferd mit gutem Gangvermögen und einem außergewöhnlich ausgeglichenen Temperament. Gerade dem einmalig guten Charakter des ehemaligen Bauernpferdes wird ein besonderer Stellenwert gegeben. Der Ursprung aus bäuerlichen Zuchten hat zu einer festen Ausprägung der guten inneren Anlagen geführt. Die Anforderung an Typausprägung und Exterieur der heutigen Ostfriesen orientiert sich aber überwiegend nicht an dem Arbeitspferdemodell, sondern an der Beschreibung für das schwere aber doch elegante imposante Wagenpferd, so wie es vor Beginn der Verstärkungsperiode in den 20er Jahren existierte. Denn nur im Bereich des Fahr- und Freizeitsports kann der Schwere Warmblüter heute noch eingesetzt werden und die Erzeugung von reinen Wirtschafts- und Arbeitspferden wird nicht mehr angestrebt. Zur Verbesserung der Gangeigenschaften und zur Förderung von Eleganz und Nerv wurden von 1995 an zwei Hengste aus den Niederlanden gezielt angepaart, die beim KWPN als "Tuigpaard" registriert sind. Diese Pferde gründen sich ebenfalls auf Ostfriesen und Oldenburger aus der Karossierzeit und die ausgewählten Hengste sind reinblütig und ohne Hackneyeinfluß gezogen. Vor allem finden sich in ihnen die ausgestorbenen ostfriesischen Hengstlinien und sie sollen die verlorengegangenen Eigenschaften des Karossiers in die hiesige Population einbringen.

 

Quelle(n)

Zuchtverband für das Ostfriesische und Alt-Oldenburger Pferd e.V. http://www.ostfriesen-alt-oldenburger.de

Foto-Galerie

Foto: Dr. Peter Allhoff

Ostfriese Alt-Oldenburger